Die Entwicklung des kindlichen Gehirns - Interview mit Daniel Siegel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Janko Ferlič/unsplash.com

 

Zuerst möchte ich dir gern zwei grundlegende Fragen stellen. Zum einen: Was ist der Unterschied zwischen Geist (mind) und Gehirn?

Den Begriff Geist verwenden wir für subjektive Erfahrungen, für das Bewusstsein, für die Art und Weise, in der wir Informationen verarbeiten – nicht nur in unserem Körper, sondern auch in einem weiteren Sinn: im Eingebettetsein in unserer Kultur. Der Geist ist also vollständig verkörpert, aber zugleich befindet er sich in einem Beziehungsgeflecht. Das Gehirn ist ein Organ in deinem Kopf, das daran beteiligt ist, aber es ist ein kleiner Teil des Geistes, und selbstverständlich hat es Eigenes wie die elektromagnetischen Energieströme und alle möglichen Flüssigkeiten; es ist eine körperliche Struktur, in der elektrochemische Prozesse ablaufen. Beide sind also miteinander verbunden. Leider verwenden viele Leute diese Begriffe, als meinten sie dasselbe, aber das tun sie nicht.

 

Und zweitens: Wie entwickelt sich das Gehirn in der Kindheit, und haben Eltern oder Erzieher davon irgendeine Vorstellung?

Viele Menschen, die in Bereichen wie Bildung, Erziehung oder Therapie tätig sind, verstehen nicht wirklich, wie sich der Geist oder unser Gehirn entwickeln. Wir haben hier am Mindsight Institute unter anderem deshalb so viel zu tun, weil wir versuchen, Wissenschaft in ein allgemeines Bezugssystem, das wir interpersonale Neurobiologie nennen, zu überführen und dann in die Welt zu tragen.

 

Kannst du uns einen kurzen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen im kindlichen Gehirn geben?

Wenn die Zygote, also die befruchtete Eizelle, durch Zellteilungen immer weiter wächst, erreicht sie innerhalb einer sich nun bildenden Blase eine Größe, in der eine Zellschicht zum Zentrum der Blase orientiert ist und eine andere zu ihrem Rand. Dann drängt sich die äußere Schicht nach innen und wird zum Neuralrohr, aus dem sich alle Gehirnzellen, die Neuronen, bilden. Ich fange hier an, weil man da sehen kann, dass die äußere Schicht, die später zur Haut oder zum Ektoderm wird, zugleich der Ursprung des Gehirns ist. Und auf vielerlei Weise besteht die erste Rolle des Nervensystems darin, die Schnittfläche oder Brücke zwischen innen und außen zu sein, ganz so wie die Haut. Wenn wir die Entwicklung so beschreiben, hilft uns das, zu erkennen, dass das Gehirn die Aufgabe hat, eine Art Beziehung zu entwickeln zwischen dem, was im Körper, und dem, was zwischen ihm und der umgebenden Welt vor sich geht, also zwischen dem verkörperten Teil und dem relationalen.

Für das Neugeborene gilt das Grundprinzip, dass seine Gene die Struktur, die sich früh in der Gebärmutter gebildet hat, bestimmt haben. Das Baby ist jetzt draußen in der Welt, und die Gene werden weiterhin beeinflussen, wie sich die Strukturen des ganzen Körpers einschließlich des Gehirns bilden und wie sie funktionieren. Aber nun kommt Erfahrung hinzu, und die Art von Erfahrungen, für die die Eltern sorgen, formt unmittelbar die Art und Weise, wie sich das Gehirn die gesamte Lebenszeit über entwickeln wird.

Das Prinzip ist, dass das Gehirn aus so vielen verschiedenen Neuronen besteht und die verschiedenen Bereiche durch Differenzierung und Trennung spezialisieren muss, um sie dann miteinander in sogenannten synaptischen Einheiten zu verknüpfen. Die Integration des gesamten Gehirns geschieht im Grunde dadurch, dass Differenzierung und Verknüpfung immer wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden. Einfach gefasst, ist das Ziel der Gehirnentwicklung, dass mehr Integration stattfindet, was die Grundlage der Regulation von Aufmerksamkeit, Stimmungen, Gefühlen, Gedanken, Verhalten, Beziehungen und sogar Moral ist. Sie alle hängen von der Integration im Gehirn ab.

 

Du hast Strategien entwickelt, wie wir die geistige Entwicklung unserer Kinder fördern können. Und du betonst, dass Bildung und Erziehung auf einem Verständnis des sich entwickelnden Gehirns beruhen müssen und Integration von größter Bedeutung ist. Warum ist sie so wichtig?

Bei sogenannten komplexen Systemen in der Mathematik oder biologischen Systemen wie dem Gehirn wissen wir, im Grunde genommen, dass optimales Funktionieren aus Integration entsteht. Das wird oft nicht verstanden, aber wenn man all diese Wissenschaften zusammen betrachtet, dann kommt der Gedanke, dass Integration die Grundlage der Gesundheit bildet, daher. Wenn du dir zum Beispiel anschaust, wodurch jemand gute regulierende Fähigkeiten in Bezug auf Aufmerksamkeit, Gefühle, Erinnerung, Denken usw. hat, siehst du, dass sie von der Integration im Gehirn kommen, und die wiederum wird interessanterweise durch Integration in Beziehungen befördert.

Das ist eine faszinierende Perspektive: Lasst uns Integration eine besondere Bedeutung einräumen, wenn wir verstehen wollen, was Eltern, Lehrer, Therapeuten und vielleicht sogar Regierungen im Hinblick auf unseren Planeten tun sollten. Denn wenn ein System integriert ist, ist es in einem harmonischen Fluss, wenn nicht, wird es chaotisch und starr. Wenn du das Chaos und die Starrheit siehst, die derzeit auf diesem wundervollen Planeten herrschen, dann scheint mir das daher zu rühren, dass wir Menschen uns zu sehr differenziert und nicht genug mit der Natur verbunden haben. Und du erkennst, dass Chaos und Starrheit aus mangelhafter Integration resultieren.

 

Wenn man dieses Wissen in unser Bildungssystem tragen würde, welche Veränderungen wären zu erwarten? Was wäre anders?

Man würde drei neue Rs der Bildung entwickeln: Statt den Hauptfokus allein auf Lesen, Schreiben und Rechnen (reading, ’riting, ’rithmetic) zu legen, würde man auch die folgenden intensiv berücksichtigen: Erstens würde man die Kinder lehren, wie sie über ihr Innenleben nachdenken können. Reflexion wäre also ein wichtiges neues R. Zweitens: Beziehungen (relationships) – nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zur Erde. Diese Beziehungen wären eine wesentliche Lernaufgabe der Schüler. Und drittens: Die Kinder würden etwas über Resilienz lernen: Wie man in sich ein Bewusstseinsgefäß öffnen kann, das es einem erlaubt, Erlebnisse zu halten, ohne sich mit ihnen übermäßig zu identifizieren oder von ihnen umgehauen zu werden. Resilience, relationships und reflection wären also die neuen Rs.

 

Dann hätten wir sechs Rs.

Ja. Vielleicht sogar sieben: Ruhe (rest).

 

In deinen Veröffentlichungen bietest du verschiedene Methoden an, beispielsweise „PART“. Was beinhaltet PART und wie funktioniert es?

Im Englischen bedeutet part einen Teil oder eine Rolle, die du spielst. Es ist also etwas Nützliches: Welche Rolle möchte ich spielen? Zugleich ist es eine Abkürzung für die Wörter „präsent sein“ – das ist grundsätzlich der Schlüssel, um gesunde und stabile Beziehungen, in denen alle einander unterstützen, zu schaffen. Als Erstes also Präsenz, also dass du eine aufnehmende Achtsamkeit hast und anwesend bist. Dann kommt Abstimmung (attunement), also die Konzentration der Aufmerksamkeit auf das innere Erleben der Menschen in der Beziehung. Das dritte ist Residenz, das heißt, du machst dir nicht nur deine Gedanken über die andere Person, sondern fühlst tatsächlich ihre Gefühle, ohne zu ihr zu werden. Und das T steht für trust (Vertrauen), also dass in dieser Beziehung ein Gefühl von Vertrauen geschaffen wird.

 

Ein außerordentlich wichtiger Punkt in der Bildung.

Ganz genau! Denn ohne Vertrauen sind Kinder auf der Hut, reaktiv und verschließen sich dem Lernen.

 

Eine weitere einfache Technik von dir – das Ja-Gehirn – hat ebenfalls starke Auswirkungen auf das Gehirn unserer Kinder. Welcher Gedanke steckt dahinter und was beinhaltet er?

Die Idee dazu stammt von einer Übung, die ich mit Menschen in Workshops gemacht habe. Ich habe dort in einem sehr scharfen Ton "Nein" gesagt und dann, nach einer Pause, sehr besänftigend "Ja". Die Teilnehmer erlebten unmittelbar, wie die Intensität des "Neins" eine Kampf-, Flucht-, Erstarrungs- oder sogar Ohnmachtsreaktion in ihnen hervorrief. Du blockierst dann sehr stark. Das ist das subjektive Erleben deines Reaktionsvermögens, wenn du bedroht wirst. Ich nenne es den Nein-Gehirn-Zustand. Die Welt des Ja-Gehirns ist aus diesen Workshop-Erfahrungen entstanden, wo Menschen lernen, dass sie ruhig werden können, ihr Herz dann auch ruhiger schlägt, sie leichter atmen, sich ihre Muskeln entspannen, sie ein weiteres Blickfeld haben und in einem weiteren Radius hören können. Sie fühlen, dass sie sich öffnen, um zu lernen und sich mit anderem und anderen zu verbinden.

Das Ja-Gehirn ist also ein aufnehmender Zustand: offen und verbindend. Das Nein-Gehirn ist ein reaktiver Zustand, die Antwort auf eine Bedrohung: Mach dich zum Kampf, Erstarren oder Ohnmächtigwerden bereit. Das Nein- und das Ja-Gehirn zeigen uns, dass wir diese beiden Seinszustände haben. Und du kannst als Elternteil ein Kind nicht gut begleiten, wenn du dich in einem Nein-Gehirn-Zustand befindest. Also erkenne als Elternteil – oder als Lehrer oder Politiker –, in welchem Zustand du dich befindest, und bewege dich vom reaktiven Nein-Gehirn zum aufnehmenden Ja-Gehirn-Zustand, in welchem du dich verbinden, dem Lernen öffnen und geschmeidiger sein kannst.

 

Wie pflanzt du das Kindern ein? Geht das über Resonanz oder gibt es bestimmte Techniken, um sie in einen Ja-Gehirn-Zustand zu bringen?

Das ist sehr schön gesagt: Es ist eine Resonanz. Wenn du als Mensch, der eine Straße entlanggeht, oder als Lehrer, der in einem Klassenzimmer unterrichtet, oder als Elternteil in einer ganz direkten Entwicklungserfahrung, die wir Erziehung nennen, Kindern diesen Ja-Gehirn-Zustand nahebringst, dann schwingt eine Resonanz in ihnen. Ebenso wie wenn ich aggressiv rede und andere allein durch die Art, wie ich gerade bin, dazu bringe, reaktiv zu werden.

 

Du sagst, ein Ja-Gehirn werde schließlich zu einer alternativen Sicht dessen führen, was wir für gewöhnlich Erfolg nennen. Wie wird es das tun und warum?

Weil sich Eltern, so glaube ich – zumindest in den USA –, zunehmend auf Materielles konzentrieren, auf die quantifizierbare Messung von Leistung, z.B. den Notendurchschnitt, den du bekommst, oder den Schwierigkeitsgrad der Uni, die dich aufnimmt, oder wie viel Geld du in einem bestimmten Job verdienen wirst, statt: Welche Uni passt zu eben diesem Studenten? Wie kann man einen inneren Kompass entwickeln, den man vielleicht nicht messen kann, der aber wahrscheinlich das Wichtigste ist, was du zur Entwicklung eines Kindes beitragen kannst? Der Grund, weshalb wir meinen, das Ja-Gehirn definiere neu, was Erfolg ist, besteht darin, dass es uns sagt: Unsere Aufgabe ist es, etwas über Reflektion, Beziehungen und Resilienz zu vermitteln. Damit die Kinder, wenn sie aus dem Haus gehen, ein sinnerfülltes Leben führen, das zum Wohlergehen anderer beiträgt und Menschen ermöglicht, sich selbst in vollem Maße in der eigenen Entwicklung zu fühlen, sodass Liebe und Verbindung entstehen und die Menschen etwas zur Welt um sie herum beitragen können. Das wäre ein Maß für Erfolg.

 

Welche Veränderungen finden im Gehirn eines Jugendlichen während der Pubertät statt, und wie können Eltern oder Erzieher gut mit den starken Emotionen und Stimmungsschwankungen umgehen, die diese wichtige Phase der persönlichen Entwicklung typischerweise begleiten?

Für Jugendliche habe ich ein Buch mit dem Titel "Aufruhr im Kopf" geschrieben. Ungefähr in den ersten zwölf Lebensjahren saugen Kinder wie ein Schwamm alles auf, was sie von ihren Eltern lernen, und ihr Gehirn stellt immer mehr Verbindungen her. Doch wenn die Adoleszenz beginnt, verändert das Gehirn diese Entwicklungsstrategie, indem es zwei ziemlich bedeutsame Dinge hinzufügt. Zum einen beginnt es, bestehende Verbindungen wieder zu kappen, wobei es manchmal sogar Nervenzellen und nicht nur die Verbindungen zwischen ihnen zerstört. Das wird Synapseneliminierung genannt. Und etwas später in der Adoleszenz kommen die Jugendlichen in eine Phase der Myelinbildung, in der sie die Wirkung, die Geschwindigkeit und den Takt der Kommunikation der verbliebenen Neurone erhöhen. In gewisser Weise verstärkt die Synapseneliminierung die Differenzierung, während die Myelinbildung später die Verbindung verstärkt. Die Gesamtstrategie der jugendlichen Gehirnentwicklung, die grob gesagt über den Zeitraum der nächsten zwölf Jahre verläuft, besteht also darin, die Integration im Gehirn zu verstärken.

Als Eltern oder Lehrer müssen wir das verstehen. Ich habe "Aufruhr im Kopf" aber nicht nur für Lehrer, Therapeuten und Eltern geschrieben, sondern auch für die Jugendlichen selbst, denn diese Umgestaltung des Gehirns wird durch Erfahrung geformt. Daher können Jugendliche befähigt werden, diese Umgestaltung selbst zu verbessern.

 

Welche Rolle spielt die Amygdala als Zentrum von Angst und Wut dabei?

Einige wissenschaftliche Studien zeigen, dass in der Adoleszenz vier große Veränderungen vor sich gehen: ein emotionaler Funke, soziales Engagement, die Suche nach Neuem und kreatives Erkunden. Lass mich auf die erste näher eingehen: den emotionalen Funken. Wenn wir einen Achtjährigen in ein Gerät stecken, das sein Gehirn abbildet, und ihm ein Foto zeigen, dann hat seine Reaktion eine gewisse Intensität einschließlich einer starken Reaktion der Amygdala. Du kannst dasselbe Foto einem, sagen wir, 38-Jährigen zeigen und du bekommst ebenfalls eine gewisse Reaktion. Doch wenn du es einem 14-Jährigen, einem Jugendlichen, zeigst, ist die Reaktion wesentlich größer!

Es gibt also eine Neigung zu einer starken emotionalen Reaktion, besonders von Angst und Wut. Und selbst wenn der auslösende Reiz von einem Acht- oder 38-Jährigen als neutral angesehen wird, kann der Jugendliche, weil er so eine starke Reaktion hat, ihn als bedrohlich interpretieren.

Das hat mir sehr geholfen, als ich Vater von Jugendlichen war, denn wenn ich nach Hause kam und „Hallo!“ sagte, kam es vor, dass meine Tochter mich anraunzte: „Was soll das heißen?!“ Dann wusste ich, dass wahrscheinlich ihre Amygdala stark reagierte und ich das nicht persönlich nehmen sollte. Aber man sagt dann nicht: „Ich verstehe schon: Deine Amygdala reagiert grade.“ Das lässt man schön bleiben. Aber als Elternteil hilft einem das Wissen, das man in anderen Momenten sicherstellen kann, dass Jugendliche darum wissen, dass sie einen emotionalen Funken haben, es einen Grund dafür gibt, es eine Herausforderung bedeutet und das Ganze sogar seine Vorteile hat.

 

Wie unterstützt du Integration in diesem Alter, und mit welchen Strategien gelingt das am besten?

Wenn du Jugendliche lehrst, ihrer selbst gewahr zu sein, womit das Gewahrsein des Gefühls in ihrem Körper gemeint ist, das Gewahrsein ihrer Gedanken, Emotionen, Erinnerungen, Reaktionen, dann kannst du in diesem erweiterten Gewahrsein eine Art Bewusstseinsgefäß schaffen, das, sobald diese starken Emotionen auftauchen oder gewisse Entscheidungen, etwas Gefährliches zu tun oder nicht zu tun, etwas zur Verfügung stellt, auf das man sich zurückziehen kann. Man kann es sich als ein Rad vorstellen, dessen Nabe das Gewahrsein ist und der Rand all die Gegenstände der Erfahrung, die Bewusstseinsinhalte, Gedanken und Emotionen. Statt sich auf dem Rand zu verlieren, können sie die Nabe als Rückzugsort nutzen, um zu erkennen: „Oh, ich habe Lust, 160 km/h zu fahren, aber ich bin ein Jugendlicher, klar, dass ich dieses Gefühl habe, aber ich werde es nicht tun, weil’s wirklich gefährlich ist. Auch wenn ich denke, dass es schön ist, sagt mir mein Herz:: Das ist es nicht. Mein Bauch sagt mir: Ich sollt’s nicht tun. Also werde ich es nicht tun.“

Indem wir Jugendlichen diese Fähigkeiten der Reflexion – ich nenne sie Fähigkeiten der Geistessicht (mindsight) – vermitteln, sodass sie das Wesen von dem, was gerade vor sich geht, erkennen, können wir ihnen Intuition und Weisheit zugänglich machen. Es gibt dabei auch ein Schlussfolgern des Gehirns, indem dir eben die neuronalen Verbindungen, die dir ermöglichen, mehr von deinem Körper wahrzunehmen, helfen, diese emotionalen Zustände, die aus dem Körper kommen, zu regulieren. Selbstgewahrsein und Selbstregulation gehen Hand in Hand, es sind Fähigkeiten, die vermittelt werden können.

 

Wie verhindern wir, dass Kinder oder Jugendliche auf eine der destruktivsten Illusionen unserer Zeit hereinfallen: den Glauben, wir wären ein getrenntes Selbst? Und wie können wir dieses Gefühl des Getrenntseins in eins der Zugehörigkeit (zur Erde oder zueinander) verwandeln?

Eingeschlossen in deine Frage ist eine sehr wichtige und traurige Überlegung: dass die derzeitige kulturelle Sicht vom Selbst von einer getrennten, isolierten Natur sei. Sogar die Selbsthilfe- oder Selbstverwirklichungsbewegung oder ein Wort wie Selbstmitgefühl impliziert das. Obwohl sie das Gefühl von etwas wirklich Wunderbarem vermitteln: Selbstmitgefühl: ich bin freundlich zu meinem Innenleben; Selbstverwirklichung: ich verwirkliche mein ganzes Potenzial; Selbstregulierung: ich reguliere das, was geschieht – wenn du dir aber anschaust,
wie das menschliche Denken funktioniert: Wir haben Symbole wie das Wort „Selbst“, und darunter liegt ein Konzept: „Oh, das ist eine substantivartige Einheit, die ‚ich‘ heißt, die in diesem Körper ist oder vielleicht in diesem Kopf.“ Und dann kommen wir zu einer Kategorie, die eine unterstellte Trennung in der Welt ist, z.B.: Es gibt dein Selbst und es gibt mein Selbst. Solche Kategorien und die Konzepte, die mit ihnen verbunden sind, und die Wörter, die sie zum Ausdruck bringen, können unsere gesamte Sicht der Wirklichkeit formen.

Meine Sorge betrifft das, was seit der Zeit des Hippokrates geschehen ist. Der hat vor 2.500 Jahren gesagt: „Der menschliche Geist ist allein das, was in deinem Kopf, in deinem Gehirn passiert.“ William James, der Großvater der modernen Psychologie, hat 1890, also vor 130 Jahren, gesagt: „Das stimmt, der menschliche Geist ist nur das Gehirn, und wenn das Selbst aus dem Geist kommt, na dann ist es nur in deinem Körper oder in deinem Gehirn.“ Heute kann uns diese jahrtausendealte Sicht umbringen, denn die Depressions-, Angst und Selbstmordrate ist höher denn je. Das passiert auf der individuellen Ebene. Aber außerdem sehen wir tief reichende Verhaltensweisen, mit denen Menschen die Erde einfach wie einen Mülleimer behandeln – wenn das Selbst etwas Getrenntes ist, wen kümmert’s? Wenn du hingegen in Systembegriffen denkst und erkennst, dass die Erfahrung des Selbst eher einem Verb als einem Substantiv, eher einer verbartigen Reihe eng miteinander verbundener Ereignisse als einer substantivartigen abgetrennten Einheit gleicht, dann weißt du, dass das Wort selfing, also der Prozess der Selbstwerdung, keine Einheit und nichts Getrenntes bezeichnet.

 

Eine Möglichkeit, das zu erfassen und in Schulen zu lehren, besteht darin, das linguistische Symbol me (ich/mir) mit dem linguistischen Symbol we zu kombinieren: me plus we gleich mwe. Wie würdest du das im Deutschen sagen? Was wäre ein Wort für „I und we“?

 

Man könnte „wich“ sagen.

Auf diese Weise findest du einen guten Weg, die Individualität und Innerlichkeit, das Innere deines Erlebens, zu halten, und statt es „Selbst“ zu nennen, sprich von einem „inneren Selbst“, und dann hast du noch das „Beziehungsselbst“ oder „relationale Selbst“. Ich glaube, wenn wir so leben würden – dass das Selbst eine Art substantivartiges Inneres und ein verbartiges Beziehungsmäßiges ist, ein Innen und ein Inter –, könnten wir all dieses Leiden, das des Einzelnen wie das des Planeten, zum Guten wenden. Und ich glaube, wich ist eine Möglichkeit, wie wich das schaffen können.

 

Herzlichen Dank für das Gespräch, Dan!

 

Dieses Interview führte Norbert Classen.

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Die Entwicklung des kindlichen Gehirns - Interview mit Daniel Siegel

Format:
Interview / Gespräch
aus der Zeitschrift:
Moment by Moment, Ausgabe 1, 2020
Themen:
Neuropsychologie, AmiKi - Achtsamkeit in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Inhalt

In diesem von der Zeitschrift Moment by Moment freundlicherweise zur Verfügung gestellten Interview spricht Daniel Siegel über die Entwicklung des kindlichen und jugendlichen Gehirns und darüber, warum es so wichtig ist, dies in der Erziehung von Beginn an zu berücksichtigen.

 

Daniel Siegel

Daniel Siegel ist Professor der Psychiatrie am Zentrum für Kultur, Gehirn und Entwicklung und Leiter des Mindful Awareness Research Center der University of Carlifornia (UCLA). Er studierte Medizin an der Harvard Universität und der UCLA, wo er eine Studie über Bindungserfahrungen in Familien – und wie diese Emotionen, Verhalten und das autobiographische Gedächtnis beeinflussen – durchführte.

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